Odra Chojna – Piast Chociwel 4:1 (szczecinska okregowka, 7.11.)

Posted by Rafa | News | Freitag 20 November 2015 09:10

Was zieht mich zu einem Spiel bei Odra Chojna? Das ist der Verein mit dem damals vor fast genau zwölf Jahren die Polen-Fahrerei begann. Einst war es noch spannend und so neu, obwohl die Stufen des Stadions damals schon bröckelten. Heute lechzt eher der Tank und es lockt die Kunde, dass Piast Chociwel zwecks Gästetickets anfragte. Eine Bande im Gästesektor ist in Polen noch immer das Salz in der Suppe. Die Lage für Amateur-Vereine hat sich zwischen diesem Spiel und meinem ersten grundlegend verändert. Die Abwanderung aus wirtschaftlichen Gründen und weitere und letztendlich das harte Vorgehen des Staates gegen Fußballfans im Zuge der Europameisterschaft 2012 machten die einst vielen bunten Fanblöcke zu Orten der Tristesse und Leere. Auch noch so kleinste Vergehen können Haftstrafen nach sich ziehen. Aber in den seltensten Fällen wird so hart durchgezogen. Dennoch es ist schon sehr schwer nachzuvollziehen, wie ein Trinken aus einer Cola-Büchse ein Fehlen an einem Montag am Arbeitsplatz verursachen kann, was noch schmerzhafter als die Prügel der Beamten ist. Die Liste dieser unglaublichen Geschichten ist lang und leider wird sie nach wie vor in Polen weitergeführt.

Gar melancholisch gehen die Gedanken zurück in eine andere Zeit. Bei meinem ersten Spiel hier war ich noch davon fasziniert, wie eine kleine Gruppe Grundschulkinder die Leuchtkugeln der Römische Lichter durch die kalte neblige November-Luft schossen. Später gab bei Odra sogar kleine Choreographien. Obwohl es Odra sogar bis in die dritte Liga schaffte und beispielsweise gegen Lechia Gdańsk hier spielte, die jetzt in der höchste polnischen Liga spielen, sammelte sich keine aktive Fangruppe. Pogoń Szczecin regiert hier. Chojnas Pogoń-Fanclub, der unter dem Namen Fch92 läuft, dominiert das Stadtbild. Nicht ganz so aktiv, aber ebenso ein Fanclub der Stettiner sind die Fans aus Chociwel mit dem lokalen Verein Piast. Die besten Zeiten liegen auch schon lange zurück. Mit Zorza Dobrzany und Sarmata Dobra an der Seite zogen sie einmal von „Schlacht zu Schlacht“. Deren fünf Fans und ein Mädel fanden sich heut letztendlich in Chojna ein. Auf der anderen Seite singen erstaunlicherweise auch heute ein paar Jugendliche. Auf einer Fahne steht „Chojna ist unsere Stadt, Odra unser Verein“. Eine andere zeigt eine Maske und eine Aufschrift „Psychofans“. Ein kleines Grinsen, mehr nicht. Alltag. Die üblichen Presseleute sind auch anwesend. Manche habe ich schon häufiger als so manches Familienmitglied gesehen. Sie sehen ein vom Abstieg bedrohten MKS Odra, der heut Chociwel so richtig überraschend mit 4:1 platt macht. Dabei wirkte der Sieg ganz und gar nicht zufällig. Die jungen Burschen zauberten und ließen sich auch nicht vom zwischenzeitlichen 2:1 aus der Ruhe bringen. Verkehrte Welt. Aus der einen Ecke schallte es „Oderka gol lalalalala“. Oderka ist der Kosename für Odra. Bei „gol“ ist nur ein „a“ einzufügen und wer Englisch A1 hat, der weiß, worum es geht. Schon anspruchvoller ist dieses: „Von Szczecin bis Opole erklingt ein Lied! Eine Freude. Ob Greis, ob Jungspund, jeder singt, dass Odra ein Tor schießen soll“. Jedenfalls siegt Odra und sofort gehen alle Spieler zum Fanblock, auch wenn da nur sieben Jugendliche stehen. Das ist eine Selbstverständlichkeit und schöne Tradition in Polen. Während der letzte Spieler abklatscht, sind schon die anderen knapp 100 Zuschauer verschwunden. Bei Wind und Wetter waren hier mal mindestens dreimal so viel das Minimum. Jeder hofft (außer die Polizei), dass die unteren Ligen wieder lebendiger werden. Vielleicht bringt der Machtwechsel im Sejm wieder normale Zustände in den Niederungen des polnischen Fußballs!

Danke an den Autor M. – dzieki!

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